Die Problematik der Standortwahl und Standortanalyse

Die Standortwahl als betriebswirtschaftliche Unternehmensentscheidung ist erstaunlicherweise heute immer noch ein Nischenthema. Schaut man sich beispielsweise einmal die allgemeine betriebswirtschaftliche Literatur an, so wird man feststellen, daß die Standortwahl als betriebswirtschaftliches Problem in der Regel auf einer halben Seite bis einer Seite abgehandelt wird. Mittel und Wege, Standortanalysen durchzuführen, werden meist nicht aufgezeigt. Dies ist aus mehreren Gründen erstaunlich:

 

Die Problematik der Standortwahl ist kein neues Problem. Die erste wissenschaftliche Untersuchung zu dem Thema erfolgte bereits im Jahr 1826. Seitdem gibt es die vielfältigste Literatur zu diesem Thema. Das Problem „Standort" ist also bereits seit ca. 180 Jahren bekannt.

 

Untersuchungen haben gezeigt, daß die durchschnittliche Verweildauer an einem Standort 20 Jahre beträgt. Ein Unternehmen ist in dieser Zeit normalerweise an diesen Standort gebunden. Die Standortwahl der Unternehmen gehört demnach zu den strategischen Unternehmensentscheidungen.

 

Eine einmal getroffene Standortentscheidung kann in der Regel nicht mehr revidiert werden. Die Standortentscheidung hat so viel Kapital gebunden, daß insbesondere dann, wenn sich herausstellt, daß der Standort objektiv falsch ist, kein Kapital mehr zur Verfügung steht um den Standort zu wechseln. In einem solchen Fall führt eine falsche Standortentscheidung direkt in die Insolvenz. Auch dies unterstreicht den strategischen Charakter der Standortwahl und allein aus diesem Grund müßte sie sehr sorgfältig getroffen werden.

 

Die Standortwahl eines Unternehmens hat direkten Einfluß auf Kosten- und Erlösgrößen dieses Unternehmens. Bei der Investition des Unternehmens sind dies beispielsweise Baulandpreise und regional unterschiedliche Baukosten sowie regional unterschiedliche Einrichtungskosten des Betriebes. Im laufenden Betrieb sind Kosten wie z.B. Löhne und Gehälter, Steuern oder kommunale Abgaben sowie Erträge, die beispielsweise abhängen von der regionalen Kaufkraft, von der Einwohnerzahl in einer Region oder von der Nähe zu einem Großabnehmer, abhängig vom Standort. Mit kaum einer anderen unternehmerischen Entscheidung können derartig drastisch und nachhaltig Kosten und Erlöse beeinflußt werden.

 

Die Standortwahl eines Unternehmens nimmt in der unternehmerischen Entscheidungskette einen vorderen Rang ein. Wenn für das Unternehmen feststeht, welche Produkte es produzieren will oder welche Produkte es vertreiben will, welche Märkte mit diesen Produkten zu beliefern sind und welche grundsätzlichen Produktionserfordernisse hierzu vonnöten sind, steht die Frage nach dem geeigneten Standort auf dem Plan. Das heißt, bereits lange vor Beginn des eigentlichen Unternehmenszweckes muß die Standortfrage gelöst sein.

 

Die Unternehmen beschäftigen ein Heer von Beratern um sämtliche Unternehmensbereiche nach Einsparpotentialen zu durchleuchten, Synergieeffekten nachzuspüren und neuen Märkten auf die Spur zu kommen. Jedoch wird die Standortwahl trotzt des strategischen Charakters der Standortentscheidung, trotz des enormen Einflusses auf Kosten-und Erlösgrößen des Unternehmens und trotz des hohen Rangplatzes in der unternehmerischen Entscheidungskette heute häufig immer noch aus dem Bauch heraus getroffen, eine wirkliche Standortanalyse wird nicht durchgeführt. Dies entspricht nicht der Relevanz der Entscheidung.

 

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